The unanswered question. Wie passt das zusammen?
Beim Ansehen alter Fotos aus meiner Heimat fühle ich eine seltsame Schizophrenie in mir. Diese steigert sich mit zunehmendem Detailwissen einzelner Schicksale dieser Zeit.
Der Anblick der Gebäude und Menschen, Idylle. Barfuss umherspringende Kinder. Die Langsamkeit der guten alten Zeit, die soziale und räumliche Enge, die Gemeinschaft und implizierte Gemütlichkeit auf der einen Seite.
Der gleichzeitig anwesende grenzenlose Hass und Vernichtungswille auf der anderen. Der unglaubliche Horror für die Juden, die vor kurzem noch ganz normale Mitschüler oder Nachbarn waren. Die wegen ihrer Rasse in den Brunnen fast ersäuft wurden. Die wenige Monate später nach einer unmenschlichen Reise in Viehwaggons zuerst nach Gurs, dann in den Osten verfrachtet wurden. Die entweder unterwegs verdursteten oder nach überlebter Ankunft zu Tode gequält wurden.

Schizophrenie in DIR?!? – Muss es denn UNSERE Zerrissenheit sein, wenn bei manchen Menschen und zu manschen Zeiten der krankhafte Hass und die liebevolle Idylle so nah zusammen kamen? Was haben WIR persönlich damit zu tun?
Kommentar von mh — 14 Oktober 2008 @ 2:05
Ja, Schizophrenie in mir.
Wie hätte ich reagiert in dieser Zeit unter diesen Umständen?
Wie würde ich reagieren wenn es zu einer ähnlichen Situation kommen würde? Bin ich bereit, meinen sozialen Status, meine Karriere, meine Familie, mein kleines Vermögen, meine Gesundheit, meine Zukunft aufs Spiel zu setzen für ein höheres Ziel?
So sehr ich auch den Hass, den blinden Gehorsam und Vernichtungswillen meiner Volksgenossen und somit Vorfahren verachte, so wenig kann ich die obigen Fragen mit einem sicheren ‘Ja’ beantworten.
In den dunklen Momenten denke ich das Gegenteil.
Ich kann mir dann durchaus vorstellen dass ich kein Held wäre. Kein Widerstandskämpfer. Dass ich keine jüdische Familie unter dem Dach verstecken würde. Keinen Befehl verweigern. Dass ich auf einem Panzer durch die Steppe fahren könnte und Dörfer in Schutt und Asche schießen würde – wenn der Druck nur groß und bedrohlich genug wäre.
Die wenigsten Täter (Soldaten, Polizisten, Beamte, Zivilisten, Mitläufer, Wegseher, …) waren wohl sadistische Schlächter, ein Grossteil ganz normale Söhne und Familienväter, wie ich es bin. Genau wie die Opfer, die ganz normale Söhne und Familienväter waren, wie ich es bin. Und die jahrhundertelang Nachbarn waren, in der guten alten Zeit.
Kommentar von andiekanne — 14 Oktober 2008 @ 7:03
Die Übel sind geblieben, sie haben sich nur mit den Zeiten geändert. Ich messe mich daran, was ich gegen die aktuellen Übel tue: zu wenig.
Kommentar von mq — 14 Oktober 2008 @ 10:18
/“andie“
Mutig, sich das einzugestehen… Ich befürchte, wir wissen nicht, zu welchen Kompromissen wir gerade noch bereit wären. Aber auch nicht, zu welchen Kompromissen wir gerade nicht mehr fähig wären.
Kommentar von mkh — 14 Oktober 2008 @ 11:06
lontano – ich kann mir gut vorstellen, dass mein mut nicht zum widerstand reicht, sehr wahrscheinlich reicht er aber zur flucht. wohlwissend, dass man auch dafür vieles aufgeben muss und sich in eine sehr ungewisse zukunft begibt.
Kommentar von mudshark — 16 Oktober 2008 @ 8:02