Sie hat auch das Tourette

Ich bekenne mich dazu, ferventer Anhänger des neuen Deutschen Volkslieds zu sein. Insbesondere von Simon Borowiak und Moritz Eggert, den Großmeistern diese Genres. Ihre Intonation von „Heut‘ fahr ich zu mei’m Schätzelein“ sollte Nationalhymne werden. Zumindest von Kalifornien, die haben bekanntermaßen ja Sinn für grenzwertig Späße. http://www.youtube.com/watch?v=EEvsEMh49XA. Inzwischen kann ich die obligatorische Erste Strophe der Aspiranten-Volkshymne schon fast auswendig.

Meier. 1944.

Harry Mulisch beschreibt in einem seiner Werke den Widerstand gegen die deutschen Besatzer in Haarlem während des Zweiten Weltkriegs, den viele Widerstandskämpfer mit dem Leben bezahlten. Die wohl bekannteste von ihnen ist Hanni Schaft, 24 jährig erschossen. An abgelegenen Stellen in den Dünen zwischen Haarlem und der nahen Nordsee sind dann auch einige Gedenksteine mit der Anzahl der an der jeweiligen Stelle ermordeten Juden und Partisanen erstellt. Nüchterne Steinquader.

Im einem weitläufigen Park südlich von Haarlem habe ich bei einem Spaziergang etwas abseits des Wegs einen in einen Baum eingeritzten Namen entdeckt. Wahrscheinlich nur, weil die Frühlingssonne einen Schlagschatten darauf geworfen hat.

Ein typisch deutscher Name mit einer Zahl, die für eine tausendjährige deutsche Geschichte steht. Soldat Meier – vielleicht war er auch Verwaltungsbeamter oder Verhörspezialist- hat gründlich gearbeitet. Möglicherweise an einem sonnigen Frühlingstag wie diesem, an dem die Sonne ihre ersten warme Strahlen auf eine damals junge Buche warf. Er ritzte nicht nur seinen Namen in die Rinde, er zerstocherte mit der Messerspitze auch das Holz, damit die Wunde sich mit Sicherheit nicht mehr schliessen und verwachsen konnte.

Somit holt mich 64 Jahre später die Geschichte wieder ein.

Ob Soldat Meier wohl Klaas Carel Faber kannte? Faber wurde kürzlich in Ingolstadt von einem Journalisten aufgespürt. Dort lebt er unbehelligt als einer der letzte lebenden holländischen Schlächter der SS. Geschützt vor Auslieferung durch die heutige deutsche Gesetzgebung.

Die Familie von Faber wurde übrigens 1944 von Hanni Schaft liquidiert.

Für Führer, Volk und Vaterland

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Gedächtniszitate, Anno 2007. Aufgeschnappt in einem von persönlicher Freiheit geprägten Leben ohne Not. Die Zitate sind nicht vom erwähnten Onkel, sondern aus der Presse und Gesprächen.

  • Befehl ist Befehl
  • Ich habe davon nichts gewusst
  • Was hätte ich tun sollen
  • Das war halt so
  • Es war ja nicht alles schlecht

Training

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Dem Feind können wir mit der Kanone richtig einheizen, haben die Ausbilder gesagt.

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Die Ausbilder weisen uns ein in die Geheimnisse effektiver Zerstörung. Ballistik, Feuerleitung, Fernaufklärung, Wind und Witterung.

Dass Kanoniere eine schlechte, wenig wintertaugliche Ausrüstung haben, sagen sie uns nicht. Ich hätte sonst wohl versucht, extra-warme Unterwäsche mit zu nehmen beim Marsch Richtung Osten.

Todesmaschine

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Der Tod

Er kommt aus 15 Kg schweren Stahlgeschossen, die rund 12 Km weit fliegen und sogar gegen bewegliche Ziele eingesetzt werden können. Je nach Anwendung werden verschiedene Granaten eingesetzt. Es gibt Nebel-, Spreng-, Kamfpstoff (=Giftgas)-, Brand-, Hohlladungs-, oder auch Panzergranaten. Federführend bei der Produktion und Weiterentwicklung sind übrigens die Firmen Krupp, Rheinmetall und Skoda – der trendy Phoenix aus der planwirtschaftlich-tschechischen Asche.

Der Vorteil als Kanonier ist, nicht in vorderster Linie zu stehen beim Dossieren des Todes. Der Nachteil ist, dass man immer bevorzugtes Ziel ist von feindlicher Artillerie und Luftwaffe.

Der Tod, den wir verteilen, ist abstrakt. Nur Volltreffer mit grossen Explosionen oder Brandwirkung zeigen uns das direkte Resultat.

Ich möchte Bauer werden. Was mache ich hier eigentlich?

(Quelle der technischen Details: http://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Waffen/feldkanonen.htm)

Gewöhnungssache

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Man gewöhnt sich an alles. Sagt der Volksmund – ich kann es bestätigen. Der erste zerfetzte Mensch am Wegrand war ein Schock. Vielleicht weniger der Tod selbst, als die völlige Achtlosigkeit, mit der die Fleischfetzen im Staub lagen. Niemand kümmerte sich darum, niemand begrub den Menschen. Ich habe im Laufe der Kriegsjahre viele angefressene oder verweste menschliche und tierliche Kadaver gesehen. Es wird zur Routine.

Der Verwesungsgeruch stört mich noch ein bisschen, da ich meist nicht zuordnen kann, ob er von einem Tier oder einem Menschen stammt. Aber auch daran gewöhnt man sich etwas. Man stumpft ab, ich stumpfe ab. Eine Welt, die nicht mehr wirklich ist. Wie von Sinnen. Nur noch Instinkte, heimkehren, überleben.

Der Tod zieht mit uns. Wir sind der Tod. Ich bin der Tod.

Freiheit, die ich meine

Diese Bilder sind nicht aus einer anderen Welt. Sie sind nicht 1000 Jahre alt. Sie sind nicht von einem fernen oder fremden Volk, das uns nichts angeht. Sie sind nicht aus einem Film. Sie sind nicht gestellt.

Sie sind von meinem Großonkel. Einem damals 18 jährigen Bauernbuben, der eingezogen wurde. Der für einen demokratisch gewählten Führer, für sein Volk und sein Vaterland in den Wahnsinn gezogen ist, ziehen musste. Der seinen Kopf hingehalten, sein Leben riskiert hat.

Er hat überlebt. Verwundet, aber überlebt. Kriegsgefangenschaft, Russland, Kohlenbergwerk. Für sich. Für uns. Für mich. 1949 Spätheimkehrer. Gearbeitet, gearbeitet, gearbeitet. Deutschland mit aufgebaut. Von unten.

Was mache ich daraus, was mache ich aus meinem geschenkten Leben in Freiheit?

Lafetten und Pferdegulasch

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Manchmal kommen die Pferde vom Weg ab oder scheuen. Dann kann es vorkommen, dass die Kanone im Graben landet. Eine Kanone ist dabei einige Meter tief in einen Graben gestürzt, eines der Pferde hat sich dadurch das Genick gebrochen. Ein anderes die Beine, wir mussten es töten. Mit einer großen Anzahl Männer schafften wir es, die Kanone mit der schweren Lafette wieder auf die Strasse zu hieven und gangbar zu machen.

Aber nichts kann unseren Tross stoppen. Jedenfalls, wenn wir den Oberen glauben sollten.

Unterwegs II

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Und so ziehen wir weiter. Durch weite Ebenen und enge Schluchten, über hohe Berge und tiefe Flüsse. Immer mit dabei die Kanonen. Immer mit dabei die Angst. Und der Tod.

Unterwegs

Wir müssen nicht ständig marschieren, manchmal können wir auch auf den Wagen mitfahren oder reiten, wenn die Pferde genügend Verpflegung erhalten haben und ausgeruht sind. Ob in der Heimat die früher immer so ausgelassenen Maitanz-Abende mit Erdbeerbowle und Maibockbier stattfinden? Es ist ja nicht so, dass wir nichts zu lachen hätten. Aber die ständige Angst vor dem Feind und die wilden Gerüchte über Massaker durch Partisanen machen mir zu schaffen. Ich schlafe schlecht, trotz der grossen Müdigkeit.

Was würde ich geben um mit meiner Braut unbeschwert auf der Wiese am Bach zu liegen, wie vor zwei Jahren noch! Um diese Jahreszeit blühen die Blumen im Übermass, ich sehe die Libellen noch vor mir. An den Geruch meiner Braut kann ich mich nicht erinnern, sooft ich das auch versuche und mir wünsche. Ich weiss noch, dass ich von ihrem Duft ganz benommen war.

Hier ist alles staubig, wir stinken.

Irgendwo auf dem Balkan

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Die Kinder. Immer sind Kinder am Weg, sie rennen manchmal kilometerweit neben uns her. In einer Mischung aus Neugier und Angst. Wir marschieren an ihren Dörfern vorbei und ziehen unsere Kanonen mit Pferden ‚gen Osten. Solche schöne Stiefel haben sie wohl noch nie gesehen. Obwohl die schon ganz schön gelitten haben, auf dem 2000 km Marsch hierher. Dabei ist das erst der Anfang, wir laufen und siegen bis an das andere Ende der Welt, wenn wir unseren Offizieren glauben sollten.

Kann das gut gehen?

Mein erster Tanzbär, 1940

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14.3.1940. Liebe Mutter, heute habe ich auf einem Bazar (das ist ein Markt wie bei uns der Jahrmarkt in September, auf den wir uns jedes Jahr so gefreut haben) einen Affen gesehen, der mit einem Bären getanzt hat. Was für ein Spektakel! Für ein paar Minuten habe ich sogar die Maschinen-Pistole vergessen, die ich immer im Anschlag halte. Wir garantieren die Sicherheit auf dem Bazar, was wegen der vielen …

Nie wieder Krieg?

Ein Verwandter ist verstorben, im vorgeblich gesegneten Alter von über neunzig Jahren. Er wurde 1939 vom Acker weg zur Wehrmacht eingezogen wurde und erst 1949 von den Russen aus den Kohlenminen in Weissrussland freigelassen.

Das die Zeit sehr hart war und er mit knapper Not überlebt hat wusste jeder in der Familie. Ich kenne aber nur zwei Geschichten von ihm, er wurde immer von seiner Frau gestoppt, wenn er vom Krieg erzählen wollte.

Die Kriegsgefangenen mussten auf Wagen ohne Beleuchtung in natürlich unbeleuchteten Schächten in die Kohleminen einfahren. Mein Onkel war ein kleiner Mann. Trotzdem vergaß er eines Tages sich so klein wie möglich zu machen. Prompt knallte er bei voller Fahrt in die Stollen mit dem Kopf gegen einen der Stützbalken. Der Schlag war so hart, dass es ihm die Kopfhaut fast abriss. Nachdem er notdürftig verbunden worden war, wurde ihm eine Mütze zum Stabilisieren aufgesetzt und er musste arbeiten wie alle anderen halbtoten Gefangenen.

Eine Tages waren sie auf einem Markt (den genaueren Kontext kenne ich leider nicht, als Gefangener konnte man normal nicht auf einen Markt gehen). Ein russischer Soldat wollte ihm von hinten eine Zigarette aus der Tasche stehlen. Mein Onkel drehte sich um und gab dem Soldaten aus Reflex eine Ohrfeige. Er wurde sich seiner Tat sofort bewusst und rechnete damit, auf der Stelle erschlagen oder erschossen zu werden.

Die Händler und Anwesenden hatten den Diebstahlsversuch gesehen und sprangen ihm zu Hilfe, sie schimpften den Dieb aus, der meinen Onkel folglich in Ruhe liess.

Auch nach dem Krieg und der Gefangenschaft hatte das Leben noch einige Schwierigkeiten für ihn parat. Aber ich kenne ihn nur als positiven Menschen, mit einem scharfen Blick für Realitäten.

Beim Aufräumen des Hauses sind Fotos aufgetaucht, über die nichts weiter bekannt ist.
Es sind zwei Fotos von einem augenscheinlich deutschen Gefallenen darunter. Mein Onkel war ein Bauernbub, er hatte sicher keine eigenen Kamera. Propagandabilder der Russen? Handelt es sich um einen Freund von ihm? Ein Opfer von „Friendly Fire“? Der erste Tote, bei dem die entsetzlichen Verstümmelungen noch gefühlsmässig wahrgenommen wurden, bevor man irgendwann abstumpft, der daher fotografiert wurde.

Die Bilder machen mich betroffen, obwohl ich ähnliche Bilder und Filme hundertfach gesehen habe. Hier habe ich einen persönlichen Bezug. Plötzlich kann ich den Dreck riechen, das verbrannte Fleisch, den fürchterlichen Gestank des Todes und der Angst.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Beitrag und die Fotos veröffentlichen soll. Sie bringen mir das Grauen ins Haus, das sich JETZT, im Moment des Schreibens und im auch Moment DEINES Lesens, in Israel, Afghanistan, Irak, Sudan, … abspielt.

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Allerseelen (#4) – Suche da, wo das niederländische Volk lebt und arbeitet

Suche da, wo das niEderländische Volk lebt und arbeitet

Siehe wie weit sein Land ist, wie hoch sein Himmel, wie nahebei das Rauschen der gewaltigen See. In diesem Land sind Friede und Freiheit groß geworden. Sie sind die Früchte von geistiger Reinheit, ehrlichem Denken, Nächstenliebe und Glauben. Bedenke, dass das, was gestern bedroht wurde, heute und morgen wieder in Gefahr kommen kann. Beschütze es und sei wachsam. Solange möge der Pfad, der zu diesem stillen Fleck führt, begehbar bleiben für die Füße aller, die sich hier besinnen auf die Werte von Freiheit und Gerechtigkeit.

Dazu helfe uns Gott.

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Allerseelen (#3) – Dank ihrer, von denen einige hier ruhen

Dank ihrer, von denen einige hier ruhen

waren die Niederlande in diesen Tagen, gemartelt und unterdrückt, freier und widerstandsfähiger als je zuvor. Durch den Feind für vogelfrei erklärt, in lose organisierten Verbänden arbeitend, mit keinem anderen Meister als dem Gewissen, widerstanden sie dem deutschen Anschlag auf das bestehen unseres Volkes, gaben den Zweifelnden Sicherheit, den Schwachen Kraft und den Gejagten Schutz – viele von ihnen starben in Gefangenschaft oder vor DEM Exekutionskommando. Wenige konnten in dieser Ruhestätte versammelt werden. Verweile nicht zu lange bei der Trauer um die, die wir vermissen.

Suche nicht hier…..

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Allerseelen (#2) – Dann standen inmitten des Volkes Männer und Frauen auf

Dann standen inmitten des Volkes Männer und Frauen auf

Gegen die Gewalt des Feindes stellten sie Überzeugung und Glauben, gegen das germanische Heidentum das Zeugnis von Christentum und Humanismus, gegen die organisierten Millionen die UNersetzbaren Werte des Menschen – friedliche Bürger wurden Brandstifter, Saboteure und Spione. Sie bewahrten das freie Wort in illegalen Schriften, halfen den Verfolgten, verteidigten das Erziehungsrecht der Eltern, das Amtsgeheimnis der Ärzte und die freie Verkündigung des Evangeliums.

Dank ihrer …

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Allerseelen (#1) – Es geschah in den Mai-Tagen des Jahres 1940

Es geschah in den Mai-Tagen des Jahres 1940

Deutsche Soldaten, übermächtig in Bewaffnung und Anzahl, überrumpelten die Niederlande. Die Königin und DIE Minister wichen nach England aus und führten von dort, mit Einheiten der Streitkräfte und Handelsschifffahrt, zusammen mit unseren Bundgenossen, den Widerstand weiter.

Im besetzten Land wurden die Organisationen der freien Bürger durch den Feind aufgelöst. Die Rechte ausgehebelt. Die Kirchen bedroht. Die Presse mit Maulkorb belegt und die freie Ausübung von Wissenschaft und Kunst verboten. Mehr als hunderttausend Niederländer von jüdischem Blut wurden in den Tod getrieben. HunderdtausendE Männer zur Zwangsarbeit gefangen.

Dann…..

 

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